Stellen wir uns New York in fünfhundert Jahren vor.
Die Stadt ist seit Jahrhunderten verlassen. Hochhäuser sind eingestürzt, Straßenzüge überwuchert, ganze Viertel unter Schutt und Erde verschwunden. Über die Gesellschaft, die hier einst lebte, ist vieles bekannt, anderes nur noch bruchstückhaft überliefert. Zahlreiche digitale Archive sind verloren gegangen.
Nun beginnen Archäologen mit Ausgrabungen. Eines Tages stoßen sie auf die Reste eines großen Gebäudes. Seine ursprüngliche Funktion lässt sich zunächst nicht bestimmen. Beschriftungen sind verschwunden, Hinweistafeln zerfallen, elektronische Informationen unlesbar geworden.
Im Inneren finden die Forscher zahlreiche Gegenstände und Bilder. Auch sie tragen die Spuren der Jahrhunderte. Leinwände sind beschädigt. Farben verblasst. Skulpturen zerbrochen. Manche Gegenstände lassen sich kaum noch eindeutig identifizieren.
Was werden die Archäologen denken? Werden sie erkennen, dass sie die Überreste eines der berühmtesten Museen für moderne Kunst ausgegraben haben – des Museum of Modern Art?
Oder werden sie möglicherweise zu einem völlig anderen Ergebnis kommen? Vielleicht betrachten sie einige der gefundenen Bilder und halten sie für Kinderzeichnungen. Vielleicht interpretieren sie manche Objekte als Spielzeug, Gebrauchsgegenstände, Verpackungsmaterial oder Abfall. Vielleicht entsteht nach sorgfältiger Untersuchung sogar die Hypothese, bei dem Gebäude müsse es sich um eine Schule oder einen Kindergarten gehandelt haben.
Das Gedankenexperiment ist selbstverständlich zugespitzt.
Es beweist nicht, dass ein bestimmtes modernes Kunstwerk keine Kunst sei. Aber es legt ein Problem frei, das mir für die moderne Kunsttheorie entscheidend erscheint.
Nehmen wir einem Gegenstand alles, was uns heute darüber informiert, dass er Kunst sein soll: den Namen des Künstlers, das Museum, den Katalog, die kunsthistorische Einordnung, den Marktwert, die Rezensionen und vor allem das Wissen, dass andere Menschen diesen Gegenstand bereits als Kunst anerkannt haben.
Ist sein Kunstcharakter dann noch im Werk selbst erkennbar?
Bei Michelangelos David, einer Zeichnung Rembrandts, einer gotischen Kathedrale oder einer Fuge Johann Sebastian Bachs scheint sich die Frage zumindest anders zu stellen. Auch wenn wir ihren Schöpfer nicht kennen, begegnen uns hochgradig gestaltete Gebilde, in denen Absicht, Formung und außergewöhnliches Können unmittelbar wahrnehmbar sind.
Doch was geschieht mit einem Werk, dessen Kunststatus wesentlich davon abzuhängen scheint, dass wir bereits wissen, dass es Kunst sein soll?Und was geschieht, wenn dieses Wissen verloren geht?
Nehmen wir an, unsere Archäologen entdecken einige Jahre später ein Dokument. Nun erfahren sie, dass das Gebäude einst „Museum of Modern Art“ hieß. Sie erfahren außerdem, dass viele jener Gegenstände, die sie zunächst für Kritzeleien, Gebrauchsgegenstände oder sonderbare Hinterlassenschaften gehalten hatten, als bedeutende Kunstwerke ihrer Epoche galten.
Was hat sich verändert?
Nicht die Bilder. Nicht die Gegenstände. Nicht ihre Form. Nicht ihr Material. Verändert hat sich einzig und allein ihr Kontext.
Gestern waren sie möglicherweise Kritzeleien. Heute sind sie Kunst. Kann aber Kunst tatsächlich etwas sein, das durch eine historische Information gleichsam ein- und ausgeschaltet wird?
Damit sind wir bei einer der schwierigsten Fragen der Ästhetik angekommen:
Was ist Kunst?
Und ebenso wichtig:
Wodurch unterscheidet sich Kunst von Nicht-Kunst?
Eine alte Frage, die überraschend jung ist
Menschen denken seit mehr als zweitausend Jahren über Kunst nach. Erstaunlich ist jedoch, dass viele der großen älteren Kunsttheorien die Frage nach der Abgrenzung von Kunst und Nicht-Kunst gar nicht in den Mittelpunkt stellen.
Platon beschäftigt sich mit Nachahmung, Wahrheit und der möglichen Wirkung der Dichtung auf den Menschen. Aristoteles untersucht die Mimesis und die Wirkung der Tragödie. Kant fragt nach dem ästhetischen Urteil und nach jener eigentümlichen Zweckmäßigkeit, die uns etwas als schön erfahren lässt, ohne dass es einem praktischen Zweck dienen muss. Schiller verbindet ästhetische Erfahrung mit Freiheit und Bildung des Menschen. Hegel versteht Kunst als eine Form, in der sich der Geist sinnlich manifestiert. Schopenhauer sieht in der ästhetischen Betrachtung die Möglichkeit, für einen Augenblick aus dem rastlosen Drängen des Willens herauszutreten. Nietzsche denkt Kunst aus dem Spannungsverhältnis von apollinischer Form und dionysischem Rausch. Leo Tolstoi fragt nach der Fähigkeit der Kunst, Gefühle von einem Menschen auf andere zu übertragen. Otto Rank untersucht den schöpferischen Drang des Künstlers und den menschlichen Wunsch, sich in einem Werk über die Begrenztheit des eigenen Lebens hinaus zu objektivieren.
All diese Theorien sagen etwas Wesentliches über Kunst. Aber sie beantworten oft eher die Fragen:
Was leistet Kunst?
Warum schaffen Menschen Kunst?
Was geschieht mit uns in der Begegnung mit Kunst?
Die Frage
„Woran erkennen wir überhaupt, dass etwas Kunst ist?“
scheint dagegen erstaunlich spät zu einem zentralen philosophischen Problem geworden zu sein.
Warum?
Vielleicht musste man Kunst früher gar nicht definieren
Eine mögliche Erklärung scheint mir ebenso einfach wie folgenreich. Früher war Kunst meist als Kunst erkennbar.
- Ein Altarbild.
- Eine Kathedrale.
- Eine Sinfonie.
- Eine Skulptur.
- Ein Gedicht.
- Ein Schauspiel.
Bei all diesen Dingen musste niemand lange darüber diskutieren, ob sie überhaupt Kunst seien. Dafür gab es vermutlich zwei wesentliche Gründe.
Der erste war das handwerkliche Können. Wer eine Kathedrale errichtete, eine Statue schuf, eine Fuge komponierte oder ein großformatiges Gemälde anfertigte, benötigte Fähigkeiten, die sich deutlich von gewöhnlicher Alltagstätigkeit unterschieden. Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, dass technisches Können allein Kunst ausmacht. Ein perfekt gefertigter Schrank ist nicht deshalb ein großes Kunstwerk. Aber Kunst erforderte in aller Regel eine erkennbare Formung.
Der zweite Grund liegt in der kulturellen Einbettung. Kunst trat selten isoliert auf. Sie gehörte zur Religion, zum Ritual, zum Hof, zur Stadt, zum Theater, zum Konzert, zum Fest oder zum gesellschaftlichen Gedächtnis. Ein Altarbild stand in einer Kirche. Eine Passion wurde in einem religiösen Zusammenhang aufgeführt. Eine Tragödie gehörte zum Theater. Eine Statue besaß häufig eine politische, religiöse oder repräsentative Funktion. Kunst war Teil einer größeren kulturellen Ordnung.
Deshalb stellte sich die Frage „Ist das überhaupt Kunst?“ nur selten. Erst die Moderne machte diese Frage möglich.
Was geschieht, wenn alles Kunst sein kann?
Die Moderne hat den Kunstbegriff in einem kaum zu überschätzenden Maß erweitert. Das war zunächst eine Befreiung. Künstler mussten sich nicht mehr an traditionelle Gegenstände, Materialien oder Schönheitsvorstellungen halten. Neue Ausdrucksmöglichkeiten entstanden. Konventionen konnten infrage gestellt werden. Die Kunst konnte sich selbst und ihre eigenen Voraussetzungen zum Gegenstand machen.
Doch jede Erweiterung eines Begriffs wirft irgendwann eine Grenzfrage auf. Wenn ein Gemälde Kunst sein kann, eine Skulptur Kunst sein kann, ein gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand Kunst sein kann, eine Handlung Kunst sein kann, eine Idee Kunst sein kann, ein leerer Raum Kunst sein kann, und sogar die Erklärung, etwas sei Kunst, zum künstlerischen Akt werden kann – was ist dann keine Kunst? Oder anders gefragt: was sagt das Wort „Kunst“ dann noch aus?
Das ist keineswegs nur eine rhetorische Frage. Denn ein Begriff, der prinzipiell alles umfassen kann, läuft Gefahr, am Ende überhaupt nichts Bestimmtes mehr zu bezeichnen. Genau an dieser Stelle werden die institutionellen Kunsttheorien interessant.
Die Kunstwelt entscheidet
Arthur Danto und später George Dickie haben in unterschiedlicher Weise darauf hingewiesen, dass Kunst nicht unabhängig von einer Kunstwelt verstanden werden kann.
- Museen.
- Galerien.
- Künstler.
- Kunsthistoriker.
- Kritiker.
- Kuratoren.
- Sammler.
- Hochschulen.
- Theorien.
Diese Institutionen und Diskurse schaffen einen Zusammenhang, innerhalb dessen wir Gegenstände als Kunst wahrnehmen. Der Gedanke besitzt erhebliche Erklärungskraft. Denn er macht verständlich, warum zwei äußerlich identische Gegenstände einen völlig unterschiedlichen Status besitzen können.
Ein Karton im Lagerhaus ist Verpackung. Ein äußerlich identischer Karton im Museum kann Kunst sein. Ein Urinal in einer öffentlichen Toilette ist ein Sanitärgegenstand. Ein Urinal, das Marcel Duchamp auswählt, signiert und in den Kunstbetrieb einführt, wird zum Gegenstand kunstphilosophischer Diskussionen.
Die institutionelle Theorie kann hervorragend erklären, warum wir bestimmte Gegenstände als Kunst behandeln. Aber erklärt sie damit schon, was Kunst ist?
Hier beginnt mein Zweifel. Denn möglicherweise beschreibt die institutionelle Theorie gar nicht das Wesen der Kunst. Vielleicht beschreibt sie lediglich ein gesellschaftliches Verfahren der Kunstzuschreibung. Und Kunstzuschreibung und Kunst müssen nicht dasselbe sein.
Das Museum wird zur Kirche
Treibt man den institutionellen Kunstbegriff konsequent weiter, entsteht ein bemerkenswertes Bild. Wenn ein Gegenstand dadurch Kunst wird, dass die Kunstwelt ihm diesen Status verleiht, dann besitzt diese Kunstwelt eine nahezu sakrale Autorität.
Dann wird das Museum zur Kirche.
Der Kurator wird zum Hohepriester.
Das Kunstwerk wird zu Reliquie.
Der Katalogtext wird zum Katechismus.
Die Kunstkritik liefert die Exegese.
Die Kunstgeschichte errichtet den Kanon.
Und der Besucher soll glauben, dass er vor einem bedeutenden Kunstwerk steht – selbst dann, wenn sich diese Bedeutung aus dem Gegenstand selbst kaum noch erschließt.
Das ist selbstverständlich eine polemische Zuspitzung.
Aber gerade deshalb macht sie ein Problem sichtbar. Bei einer Religion ist es verständlich, dass bestimmte Gegenstände ihren besonderen Status durch einen kulturellen Zusammenhang erhalten. Eine Reliquie ist für den Gläubigen nicht deshalb heilig, weil das Material selbst heilig wäre. Ihre Bedeutung entsteht aus Glauben, Überlieferung und Institution.
Soll Kunst ebenso funktionieren?
Wird ein profaner Gegenstand zur Kunst, weil eine hierzu autorisierte Gemeinschaft ihn in den Raum des Kunstheiligen aufnimmt?
Wenn ja, dann haben wir es tatsächlich weniger mit einer Definition ästhetischer Eigenschaften als mit einem Akt der Weihe zu tun.
Der Nullpunkt des institutionellen Kunstbegriffs
Kehren wir zu unseren Archäologen zurück. Sie besitzen die Kunstwelt des 21. Jahrhunderts nicht mehr. Die Kuratoren sind seit Jahrhunderten tot. Die Galerien verschwunden. Die Kunstkritiken vergessen. Die Institution, die einem bestimmten Gegenstand seinen Kunststatus verliehen hat, existiert nicht mehr.
Damit erreichen wir den Nullpunkt der institutionellen Kunsttheorie. Natürlich können die Archäologen rekonstruieren, dass ihre Vorgänger einen Gegenstand für Kunst hielten. Aber damit haben sie zunächst nur eine historische Tatsache festgestellt:
Die Menschen jener Epoche bezeichneten diesen Gegenstand als Kunst.
Die philosophische Frage lautet jedoch:
Was machte ihn zu Kunst?
Darauf genügt die Antwort „Er wurde als Kunst anerkannt“ nicht. Denn sie ersetzt eine Begründung durch die Beschreibung einer sozialen Tatsache.
Der Fall Duchamp
Kaum ein Beispiel führt deutlicher in das Zentrum dieses Problems als Marcel Duchamps Fountain.
1917 reichte Duchamp unter dem Namen „R. Mutt“ ein industriell gefertigtes Urinal für eine Ausstellung ein. Diese Geste war außerordentlich wirkungsmächtig. Sie stellte Fragen nach Autorschaft, Originalität, Auswahl und institutioneller Legitimation. Sie beeinflusste die Kunstgeschichte nachhaltig.
Aber gerade deshalb lohnt es sich, zwischen zwei Dingen zu unterscheiden: kunsthistorischer Bedeutung und Kunststatus.
Nicht alles, was für die Geschichte der Kunst bedeutend ist, muss deshalb selbst Kunst sein. Ein philosophisches Buch kann die Kunst grundlegend verändern. Eine politische Revolution kann die Kunst verändern. Eine neue technische Erfindung kann die Kunst verändern.
Keine dieser Tatsachen macht das Buch, die Revolution oder die Maschine notwendig selbst zum Kunstwerk. Warum sollte das bei Duchamps Urinal anders sein? Meine Position ist deshalb bewusst eindeutig:
Duchamps Fountain ist keine Kunst.
Seine kunsthistorische Bedeutung bestreite ich damit keineswegs.
Im Gegenteil.
Vielleicht ist Fountain sogar eines der bedeutendsten Nicht-Kunstwerke der Kunstgeschichte.
Gerade darin könnte die Genialität Duchamps liegen. Er hat einen Gegenstand, der keine Kunst ist, so erfolgreich in die Kunstwelt eingeführt, dass anschließend der Kunstbegriff selbst verändert wurde.
Wenn die Institution nicht genügt – was bleibt?
Wer den institutionellen Kunstbegriff kritisiert, gerät allerdings sofort in eine schwierigere Lage. Denn nun genügt es nicht mehr zu sagen, was Kunst nicht ist. Man muss erklären, was Kunst positiv auszeichnet.
Meine Antwort lautet:
Kunst ist geronnener Mythos.
Damit ist „Mythos“ nicht lediglich im Sinne antiker Göttergeschichten gemeint. Ich verstehe Mythos weiter. Er bezeichnet jene grundlegenden menschlichen Erfahrungen und Konflikte, die Menschen unterschiedlicher Zeiten miteinander verbinden:
- Liebe und Tod.
- Schuld und Vergebung.
- Aufbruch und Heimkehr.
- Freiheit und Schicksal.
- Ordnung und Chaos.
- Jugend und Alter.
- Opfer und Erlösung.
- Hoffnung und Verzweiflung.
- Erinnerung und Verlust.
- Kampf.
- Scheitern.
- Wandlung.
- Überwindung.
Der Mythos gibt solchen Erfahrungen Gestalt. Er macht etwas Allgemeines an einer konkreten Geschichte erfahrbar. Und Kunst vermag etwas Ähnliches.
Warum „geronnen“?
Unser Leben ist flüchtig. Ein Augenblick vergeht. Ein Gefühl verändert sich. Ein Mensch verschwindet. Eine Erinnerung verblasst. Was gerade noch Gegenwart war, ist im nächsten Moment Vergangenheit.
Kunst besitzt die erstaunliche Fähigkeit, etwas aus dieser Flüchtigkeit herauszulösen und ihm Gestalt zu verleihen. Nicht indem sie den Augenblick einfach konserviert. Sondern indem sie ihn verwandelt.
- Aus Trauer wird Klage.
- Aus Sehnsucht wird Melodie.
- Aus Erinnerung wird Erzählung.
- Aus Konflikt wird Drama.
- Aus Bewegung wird Form.
- Aus gelebter Zeit wird musikalische Zeit.
Etwas, das zunächst flüchtig und formlos ist, nimmt eine Gestalt an, in der es überdauern kann. Deshalb das Bild des Gerinnens.
Kunst ist geronnener Mythos.
Sie verdichtet elementare menschliche Erfahrung zu einer Form, die länger bestehen kann als ihr unmittelbarer Anlass.
Mythos allein macht noch keine Kunst
Allerdings genügt die Beschäftigung mit menschlichen Grundfragen noch nicht. Eine Predigt kann von Schuld und Erlösung handeln. Ein philosophischer Essay kann über Freiheit und Tod nachdenken. Eine politische Rede kann Hoffnung und Angst thematisieren. Damit daraus Kunst wird, muss etwas hinzukommen:
Gestaltung.
Kunst nimmt Form an. In der Musik sind es Melodie, Rhythmus, Harmonik, Klang, Proportion und Zeit. In der Literatur Sprache, Rhythmus, Erzählstruktur und Bildlichkeit. In der Malerei Farbe, Fläche, Linie und Komposition. In der Bildhauerei Material, Raum und Gestalt.
Die bloße Idee genügt deshalb nicht. Wenn nur noch die Idee entscheidend wäre, müsste man fragen, weshalb wir überhaupt ein Kunstwerk benötigen. Dann könnte man die Idee einfach in einem philosophischen Satz formulieren. Eine interessante Idee ist noch keine Kunst. Eine Provokation ist noch keine Kunst. Eine gesellschaftskritische Aussage ist noch keine Kunst.
Erst die Verwandlung in eine ästhetische Gestalt eröffnet jene besondere Erfahrungsweise, die Kunst auszeichnet.
Und damit kehrt auch das Handwerk zurück
Das bedeutet nicht, dass Kunst mit Virtuosität identisch wäre. Technische Perfektion allein erzeugt keine bedeutende Kunst. Aber Handwerk ist häufig das Medium, durch das eine künstlerische Vorstellung überhaupt Gestalt gewinnen kann.
Der Schriftsteller benötigt Sprache. Der Komponist muss mit musikalischem Material umgehen können. Der Maler braucht Möglichkeiten bildnerischer Gestaltung. Der Bildhauer muss Material beherrschen.
Die moderne Kunst hat zu Recht gezeigt, dass handwerkliche Virtuosität kein notwendiger Maßstab für künstlerische Größe sein kann. Aber daraus folgt nicht, dass Formung bedeutungslos wäre.
Große Kunst ist weder bloßes Handwerk noch bloße Idee. Sie entsteht dort, wo Bedeutung und Form untrennbar miteinander verbunden werden.
Absicht
Auch die künstlerische Absicht scheint mir wesentlich. Ein Sonnenuntergang kann schön sein. Eine Felsformation kann aussehen wie eine Skulptur. Ein zufällig entstandener Farbfleck kann faszinierende Muster bilden.
Und dennoch bezeichnen wir den Sonnenuntergang normalerweise nicht als Kunstwerk.
Warum? Weil Kunst etwas Geschaffenes oder wenigstens bewusst Gestaltetes voraussetzt. Zufall darf dabei selbstverständlich eine Rolle spielen. Ein Künstler kann mit Zufall arbeiten. Er kann ungeplante Ergebnisse aufgreifen.
Aber erst die Auswahl, Gestaltung oder bewusste Einbindung in einen größeren Zusammenhang verwandelt Zufall in künstlerisches Material. Natur kann Schönheit hervorbringen.
Kunst verlangt dagegen nach einem menschlichen Gestaltungsakt.
Vieldeutigkeit
Ein weiteres Merkmal bedeutender Kunst liegt für mich in ihrer Vieldeutigkeit. Große Kunst lässt sich nicht vollständig in einen einzigen Satz übersetzen. Eine Gebrauchsanweisung soll möglichst eindeutig sein. Eine politische Parole ebenfalls. Ein bedeutendes Gedicht dagegen erschöpft sich nicht in einer Botschaft. Eine Sinfonie lässt sich nicht sinnvoll paraphrasieren. Ein Gemälde ist nicht bloß die Illustration einer Behauptung.
Kunst besitzt einen Bedeutungsüberschuss. Man kann wieder zu ihr zurückkehren. Man kann sie anders erfahren. Andere Menschen können andere Aspekte entdecken.
Das bedeutet keineswegs, dass jede Interpretation gleich gut wäre. Vieldeutigkeit ist nicht Beliebigkeit. Ein Werk besitzt Form, Struktur und Grenzen.
Aber es lässt mehr zu als eine einzige, endgültige Erklärung. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Kunst und Propaganda.
Kunst und Propaganda
Selbstverständlich kann Kunst politisch sein. Sie kann Macht kritisieren. Sie kann Ungerechtigkeit sichtbar machen. Sie kann gesellschaftliche Konflikte behandeln.
Problematisch wird es erst dort, wo das Werk vollständig in einer Botschaft aufgeht. Propaganda weiß bereits, zu welchem Ergebnis der Betrachter gelangen soll. Sie will Zustimmung. Sie will mobilisieren. Sie möchte die Vieldeutigkeit reduzieren.
Große Kunst dagegen kann Widersprüche bestehen lassen. Sie darf unbequem bleiben. Sie kann sogar Fragen aufwerfen, auf die ihr Schöpfer selbst keine eindeutige Antwort besitzt. Je mehr ein Werk lediglich die Illustration einer bereits feststehenden Botschaft ist, desto näher rückt es an Propaganda. Und desto fraglicher wird sein Kunstcharakter.
Muss Kunst schön sein?
Auch die Schönheit gehört zu den schwierigen Begriffen. Kunst muss nicht im gefälligen Sinne schön sein. Sie kann verstören. Sie kann grausam sein. Sie kann Trauer, Gewalt oder Verzweiflung darstellen.
Eine Tragödie ist nicht deshalb bedeutend, weil ihr Gegenstand angenehm wäre. Vielleicht sollte man deshalb statt von Schönheit zunächst von ästhetischer Formintensität sprechen. Ein Werk besitzt eine Gestalt. Seine Teile stehen in Beziehung. Es vermittelt den Eindruck einer inneren Notwendigkeit.
Das Hässliche kann Gegenstand großer Kunst sein. Aber das bloß Hässliche wird dadurch noch nicht zur Kunst.
Ein starker Kunstbegriff
Ich plädiere deshalb für einen starken, aber nicht mechanischen Kunstbegriff.
Kunst entsteht aus menschlicher Gestaltungsabsicht. Sie besitzt Form. Sie erschöpft sich nicht in ihrem unmittelbaren Gebrauchswert. Sie kann elementare menschliche Erfahrungen verdichten. Sie besitzt einen Bedeutungsüberschuss, der über eine eindeutige Botschaft hinausreicht.
Und bedeutende Kunst besitzt die Möglichkeit, ihren unmittelbaren historischen Anlass zu überschreiten. Keines dieser Merkmale allein genügt. Gemeinsam bilden sie jedoch einen Rahmen, innerhalb dessen wieder sinnvoll darüber gesprochen werden kann, warum etwas Kunst ist.
Nicht jede Grenzfrage wird damit beantwortet. Das ist auch nicht notwendig. Entscheidend ist zunächst etwas Grundsätzlicheres:
Das Wort Kunst soll wieder etwas bezeichnen.
Kunst als geronnener Mythos
Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine ausführlichere Formulierung meiner These:
Kunst ist die absichtsvoll gestaltete Verdichtung grundlegender menschlicher Erfahrung zu einer sinnlich erfahrbaren Form, die ihren konkreten Anlass überschreiten und über unterschiedliche Zeiten hinweg immer wieder neue Bedeutung entfalten kann.
Oder kürzer:
Kunst ist geronnener Mythos.
Damit soll keineswegs behauptet werden, dass alle bisherigen Kunsttheorien falsch wären. Im Gegenteil. In diesem Gedanken begegnen sich verschiedene Traditionen:
- Aristoteles' Vorstellung der Mimesis,
- Schillers Gedanke ästhetischer Freiheit,
- Schopenhauers Verständnis der Kunst als besondere Erkenntnisform,
- Nietzsches Verbindung von Kunst und Existenz,
- Tolstois Betonung menschlicher Erfahrung
- und Ranks Vorstellung vom schöpferischen Drang.
Auch die moderne Einsicht bleibt richtig, dass Kunst nie vollständig außerhalb kultureller Zusammenhänge verstanden werden kann.
Aber zwischen Verstehen und Erschaffen muss unterschieden werden. Der Kontext kann uns helfen, ein Kunstwerk besser zu verstehen.
Er darf aber nicht das Einzige sein, das den Gegenstand überhaupt erst zum Kunstwerk macht.
Diese Überlegungen sind nicht abgeschlossen
Meine Beschäftigung mit der Frage „Was ist Kunst?“ ist kein abgeschlossenes Projekt.
Im Gegenteil.
Je länger ich mich mit den historischen Kunsttheorien und dem Gedanken von Kunst als „geronnenem Mythos“ beschäftige, desto mehr neue Fragen entstehen.
Welche Rolle spielt das handwerkliche Können tatsächlich?
- Braucht Kunst Originalität?
- Kann Unterhaltung große Kunst sein?
- Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Kitsch?
- Wann wird politische Kunst zur Propaganda?
- Welche Rolle spielte das Heilige für die Entstehung der Kunst?
- Warum überdauern bestimmte Werke Jahrhunderte, während andere bereits wenige Jahrzehnte später fast ausschließlich als historische Dokumente interessant sind?
- Kann ein Werk bedeutender sein als die Absicht seines Schöpfers?
Und schließlich eine Frage, die durch die technische Entwicklung unserer Gegenwart besonders aktuell geworden ist:
- Können Computerspiele Kunst sein?
- Kann künstliche Intelligenz Kunst hervorbringen?
Zu diesen und weiteren Fragen möchte ich künftig weitere ausführliche Essays und Untersuchungen veröffentlichen.
Diese Seite soll deshalb nicht das Ende einer Argumentation sein. Sie soll der Ausgangspunkt eines größeren Projektes werden.
Nach und nach möchte ich hier Texte zu Kunst, Ästhetik, Mythos, Schönheit, Kultur und künstlerischem Schaffen veröffentlichen und einzelne Gedanken ausführlicher zur Diskussion stellen.
Kehren wir noch einmal nach New York zurück
Unsere Archäologen haben inzwischen herausgefunden, welches Gebäude sie ausgegraben haben.
Es war tatsächlich das Museum of Modern Art. Sie kennen nun vielleicht sogar einige Künstlernamen. Sie wissen, welche Gegenstände im 21. Jahrhundert für bedeutende Kunst gehalten wurden. Damit haben sie ein archäologisches Rätsel gelöst.
Aber die philosophische Frage bleibt.
- Welche der gefundenen Werke besitzen auch dann noch Bedeutung, wenn die Institution verschwunden ist, die ihnen einst Kunststatus verlieh?
- Welche lassen noch eine außerordentliche Gestaltungsabsicht erkennen?
- Welche besitzen eine Form, die sich auch Menschen erschließt, die von den Debatten ihrer Entstehungszeit nichts mehr wissen?
- Welche verdichten menschliche Erfahrung so, dass auch ein Mensch fünfhundert Jahre später darin etwas von sich selbst entdecken kann?
- Und bei welchen Gegenständen muss zunächst ein Kunsthistoriker erklären:
- „Ihr müsst wissen – damals galt das als bedeutende Kunst“?
Natürlich braucht auch ein Werk Bachs, Dantes oder Rembrandts historisches Wissen, wenn wir es vollständig verstehen wollen. Aber dieses Wissen vertieft etwas, das bereits vorhanden ist. Es erschafft es nicht. Der Katalog hilft uns, das Werk zu lesen. Er darf nicht der Zauberspruch sein, durch den es überhaupt erst zu Kunst wird.
Denn sonst würde das Museum tatsächlich zur Kirche, der Kurator zum Hohepriester und der Katalogtext zum Katechismus.
Und Kunst wäre am Ende nichts anderes mehr als das Ergebnis einer erfolgreichen Weihe.
Ich glaube, dass Kunst mehr ist.
Sie kann Institutionen überleben. Denn sie besitzt die Möglichkeit, etwas von der menschlichen Erfahrung in einer Form festzuhalten, die einen Menschen erreicht, der Jahrhunderte später lebt.
Sie macht Flüchtiges dauerhaft. Unsichtbares erfahrbar. Persönliches allgemein anschlussfähig. Vergängliches überlieferbar.
Dafür verwende ich den Ausdruck:
Kunst ist geronnener Mythos.